Scheisstag

Es war ein beschissener Tag

Anders kann ich es nicht sagen. Murphys Law (wonach schief geht, was schief gehen kann) schlug zu, aber so was von. Als erstes klingelte mein Bruder (heftig und zweimal, wie der «Postman») als ich grad auf dem Töpfchen sass. Als ich nicht öffnete, rief er aufs Handy an. Das lag in der Küche. So schnell wie der von analog zu digital wechselt, kann ich die Hose nicht hochziehen. Sein Begehr: Bei mir seien alle Fenster offen und er wolle wissen, wie es mir geht. Lieber Bruder, guter Bruder. Kümmert sich ums altledige Schwesterlein, auf das es nicht eines Tages halbvermodert vor dem Fernseher aufgefunden wird. Wie der Typ in Genf, den sie zwei Jahre später vor dem laufenden TV fanden. Anhand der aufgeschlagenen Programmzeitschrift konnten sie den Todestag bestimmen.

Anyway. Nachdem mein Befinden geklärt war, widmete ich mich einem neuen Blog-Eintrag. Aus Zeitoptimierunszwecken hatte ich einen Sutt ob getan (für die jüngeren Leser: Sutt ob tun = Waschmaschine füllen und einschalten). Es war Sonntag, ich hatte frei, alles easy. Als ich etwas später barfuss aufs Klo ging stand ich zentimetertief im Wasser. Ich hatte vergessen, den Abflussschlauch der Waschmaschine in die Badewanne zu legen. FuckingholydirtyKackeleckmichdochich geriet in Panik, leerte als erstes den Korb mit Dreckwäsche in die graue Sauce, rannte zum Schrank mit der Frotteewäsche und bereitete alles im Badesee aus. Das pflotschnasse Zeug schmiss ich in die Badewanne und wiederholte den Vorgang so lange, bis die Frottewäsche alle und der Boden wieder trocken war.

Dann ging ich runter zu den Nachbarn um zu beichten

Und mich nach etwelchen Schäden zu erkundigen. Es dauert ja immer eine Weile, bis das Schadenausmass von Wasser sichtbar wird. So ein paar Tage oder Wochen. Die Haftpflichtversicherung darf sich freuen. Und eine Badewanne voll tropfnasser, hoch saugfähiger Materialien hatte ich auch.

Die nächsten paar Stunden okkupierte ich Waschmaschine und Tumbler im Keller und wusch das nasse Zeugs. Dann brauchte ich eine Pause und ging zum Bruder, der wohnt ja nicht weit. Meine Schwägerin begrüsst mich hocherfreut mit den Worten: «Ah, hesch über Brot gschribbe, mer händs Mail becho (sie redet so, sie ist Aargauerin). Ich dachte eine Nanosekunde, sie habe mir bis dato hellseherische Fähigkeiten verschwiegen. Dann fiel ich in Ohnmacht. Ich hatte den Blog-Beitrag statt gespeichert online gestellt. Der war aber noch nicht ready! Ich rief die Illustratorin Myriam an und fragte, was ich tun soll. Sie so: «Weiss jetzt auch grad nicht, sitze auf einem Skilift.» Ich so: «Du bist in Hamburg.» Sie so: «Ja schon, aber das ist jetzt eine längere Geschichte. Die haben eine Halle mit einer Kunstschnee-Piste. Sorry, ich muss jetzt absteigen!»

Ich loggte mich mit dem Airbook der Schwägerin in meinen Blog ein und befahl: «Zurück auf Entwurf! Alle Mann weg von den Gefechtsstationen, ich hab den falschen Knopf erwischt.» Man kann nur hoffen, dass die Herren Trump und Kim Jong-un nicht so schusselig sind wie ich.

Die Schwägerin machte mir derweil einen Ingwertee und mein Bruder schenkte mir eine grüne Sanduhr. «Wenn du im Stress bist und am Rotieren, so wie jetzt», dozierte er, «guckst du der hier zu.» Ich so: «Wenn ich im Stress bin und am Rotieren, bin ich wahrscheinlich am Arbeiten, es stehen zwei Leute hinter mir, die etwas wollen und mit dem dritten bin ich am Telefon. Er: «Du guckst einfach auf die Sanduhr, dann gehen sie weg.» Ich: «Die gehen nicht weg, die warten. Journalisten wird man nicht so einfach los.» Er: «Dann gucken sie dir halt zu, wie zuschaust, wie die Sanduhr abläuft.»

Der Mann ist Beamter

Kein Wunder. Der Fairness halber muss sagen, dass er ein Beamter ist, der zwar nicht grad täglich aber doch regelmässig sein Leben für das Wohl der Allgemeinheit aufs Spiel setzt. Was die Schwägerin und ich nicht so gut finden. Und er ist ein Beamter, der eine für mich unvorstellbar hohe Gelassenheits- und Toleranzschwelle aufbauen musste. Weil wenn er die Nerven verliert, steht es zwei Tage später in der Zeitung. Er ist Polizist.

Ich an seiner Stelle wäre nicht nur in der Zeitung, ich sässe längst im Zuchthaus. Wegen Amtsanmassung, Drohung gegen Bürger, Tätlichkeit, Ehrverletzung, Totschlag im Affekt, öffentlicher Hysterie.

Um mir den Tag vollends zu verderben, mäkelte der Bruder auch noch an einem Text herum, den ich geschrieben hatte: «Interessant. Aber nicht witzig.» Ich: «Ist auch kein witziges Thema.» Er: «Nachdem was ich bisher von dir auf dem Blog gelesen habe, erwarte ich gewisse humoristische Einlagen in den Texten.»

Selber humoristische Einlage

Ich hasse es, wenn er recht hat. Die Schwägerin liess derweil auf Youtube den Beitrag «Witzigkeit hat keine Grenzen» laufen, wir sangen zu dritt fröhlich mit, bis die Teenies aus ihren Zimmer sofortige Einstellung dieses Krawalls verlangten, sie hätten zu lernen. Der Beitrag über Brot auf diesem Blog entstand also unter dem Einfluss von Heinz Schenk («Zum blauen Bock») und Hape Kerkeling, was einiges erklären mag. Er ist nämlich todernst.

Lachen konnte ich erst wieder, als mir der Bruder die WhatsApp-Konversation zeigte, die er am Tag zuvor mit seiner Frau geführt hatte. Es ging um Quitten und Gelierzucker und unvermittelt schrieb sie, sie sei grad im Hallenbad angebaggert worden. Er kapierte nicht, was angebaggert heisst. Jedenfalls nicht in Zusammenhang mit seiner Frau und musste googeln. Gut, sie hatte nicht ganz Dudenkonform auf Schweizerdeutsch geschrieben «abagert».

Ich vergriff mich an ihren Schoggivorräten

Und marschierte deutlich besser gelaunt und durchaus zuversichtlich nach Hause. Es war eh schon Abend, viel konnte an diesem Tag nicht mehr schief gehen. Als zwei Stunden später der Pizza-Kurrier klingelte, war das verbrannte Nachtessen bereits im Ghüderchübel entsorgt und der monströse Rotweinfleck auf meinem nigelnagelneuen blassblauen Kaschmirpullover nicht mehr zu sehen. Das einzige, was ich dann noch anfasste, waren Pizza und Fernbedienung. Aber pass auf, Murphy, ich krieg schon noch raus, wo dein Haus wohnt.

Song zum Thema:

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